Blog
Category

Das Herz des Karate

Carsten Kreher Sensei
30.9.2024

Die Tradition unseres Karate-Stils ist voller Geheimnisse.

Somit ist es nicht leicht, nach Quellen zu forschen, da viele der vorangegangenen Meister ihr Wissen nicht in schriftlicher Form weitergaben.

Die Schriften, die heute in Buchform oder im Internet kursieren, erscheinen mir eher als ein Sammelsurium von Meinungen, persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen zu sein. Manchmal hilfreich, oft genug nur verwirrend, wie Meinungen eben so sind.

Es gibt Texte, wenige zwar, die vermutlich den Geist der Alten Meister widerspiegeln. Ich nehme  hier Bezug auf Gichin Funakoshi, jenem Alt-Meister des Weges, der Karate im Sinn des 20. Jahrhunderts gesellschaftsfähig macht.

Funakoshi Sensei begründete seinen eigenen Stil, den er Shotokan nannte, um dem damaligen japanischen Zeitgeist und den politischen Anforderungen der Zeit gerecht zu werden. Auch wenn wir Shima Ha Shorin Ryu praktizieren, sind seine Ideen durchaus für unser Verständnis des Weges interessant. Also lest…einen wirklich langen Text…hoffentlich zu eurem Wohl.

Im Kern jeder Karate-Kata verbirgt sich eine besondere Geschichte, geprägt durch die Weisheiten und Philosophien, die unter anderem Gichin Funakoshi, der Vater des modernen Karate, auf den ich mich hier beziehe, zu vermitteln suchte.

Funakoshi,  ein durchaus besonderer Karate-Lehrer, der  vermutlich sowohl in den klassischen chinesischen als auch japanischen Philosophien bewandert war, brachte nicht nur die Kunst des Karate von Okinawa nach Japan, sondern formte auch maßgeblich dessen, an der Moderne orientierte sportliche Ausrichtung.

Die Anfänge des Karate reichen in eine Zeit zurück, in der Okinawa, aufgrund seiner geografischen Lage und seiner Handelsinteressen, intensiven Kontakt zum chinesischen Kaiserreich pflegte. Es ist anzunehmen das chinesische Kaufleute, Gesandte und Diplomaten das alte Wissen chinesischer Kampfkunststile auf die Insel brachten. Dieses Wissen und die damit verbundenen Praktiken verbanden sich allmählich mit den nativen Mustern okinawanischer Faustkampftechniken und wurden mit der Zeit zu Karate-Do.

Funakoshi lehrte, dass Karate mehr als nur eine Sammlung von Kampftechniken ist. Er betrachtete Karate als einen Weg (Do), der zur Selbstvervollkommnung führt. Die letztlich ausgeprägteste Form der körperlichen und energetischen Vervollkommnung im Karate ist Kata.

Jede Kata, stellt eine festgelegte Folge von Bewegungen dar, die einen Kampf gegen imaginäre Gegner symbolisiert. Kata ist in ihrer besonderen Choreographie nicht nur eine Demonstration physischer Fähigkeiten, sondern vor allem auch ein Mittel zur geistigen und charakterlichen Entwicklung. Durch das kontinuierliche Üben von Kata können wir nicht nur unsere technischen körperlichen Fähigkeiten verbessern, sondern auch Disziplin, Fokus und Entschlossenheit kultivieren. Jede Bewegung in einer Kata hat eine Bedeutung, jede Technik eine Geschichte, die tief in den Traditionen und der Geschichte von Okinawa verwurzelt ist.

Betrachten wir die psychologische Dimension, die jeder Kata innewohnt, reflektiert sie jene Prinzipien, die Funakoshi und andere Karate-Lehrer seiner Zeit so hoch hielten: Respekt, Demut, Selbstkontrolle und das ständige Streben nach Selbstverbesserung.

Durch die Praxis der Kata lernen Karateka ihre Bewegungen und Reaktionen zu kontrollieren, aber wichtiger noch, sie lernen, im fortgeschrittenen Stadium jegliche Kontrolle aufzugeben. Dies ermöglicht es ihnen, Techniken auszuführen, ohne darüber nachdenken zu müssen, und fokussiert zu bleiben, ohne sich auf eine bestimmte Sache konzentrieren zu müssen. Diese Einheit von Körper und Geist ist enorm mächtig und übertrifft selbst die größte physische Stärke und Geschicklichkeit, die für Menschen erreichbar ist.

Die Geschichte jedes Karateka, der wahrhaftig den Weg des Karate verfolgt, ist eine Reise der ständigen Verbesserung. Es ist ein Pfad, der nicht nur die Kunst der Selbstverteidigung lehrt, sondern auch, wie man ein ausgeglichenes und erfülltes Leben führt. Die Psychologie, die jeder Karate-Kata zu eigen ist, spiegelt diese Reise wider - eine Reise, die über die physische Ausführung hinausgeht und tief in die philosophischen Grundlagen des Karate eindringt.

Funakoshi's Betonung auf Perfektionierung des Charakters spiegelt sich in jeder einzelnen Kata wider. Sie sind mehr als bloße Bewegungsabläufe; sie sind Ausdruck einer tiefen Verbindung zwischen Geist und Körper, zwischen dem Individuum und der Welt um es herum. Jede Stellung, jeder Schlag und jede Abwehrbewegung in einer Kata trägt eine tiefere Bedeutung, die über die physische Dimension hinausgeht und, mit genügend Übung, in die Sphäre höchster persönlicher Entwicklung und spiritueller Erkenntnis führt.

Die Praxis der Kata fordert von uns, sich nicht nur physisch, sondern auch mental zu engagieren. Sie erfordert Konzentration, Disziplin und eine kontinuierliche Selbstreflexion. Durch diese tiefgehende mentale Beteiligung werden wir dazu angehalten, über den unmittelbaren Kontext der Bewegungen hinauszudenken und die Philosophie hinter ihren Handlungen zu verstehen. Diese Philosophie ist nicht statisch, sondern dynamisch und passt sich an die Lebensumstände und Herausforderungen an, denen wir uns als Karateka und als Mensch gegenübersehen.

Darüber hinaus fördert die Praxis der Kata auch eine Verbindung zur Geschichte und Kultur von Karate.

Jede Kata hat ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Ursprung und ihre ganz besondere Entwicklung, die die Praktizierenden mit den Generationen von Karateka vor ihnen verbindet. Diese historische Verbindung stärkt das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer größeren Gemeinschaft und Tradition und fördert ein tiefes Verständnis für die Werte und Prinzipien, die diese Kampfkunst ausmacht.

In dieser Verflechtung von physischer Disziplin und philosophischem Verständnis offenbart sich die wahre Essenz von Karate. Es ist nicht nur ein Weg zur Selbstverteidigung, sondern auch ein Weg zur Selbstentwicklung und persönlichen Vervollkommnung. Die Kata sind ein zentrales Element dieses Weges, da sie nicht nur körperliche Fähigkeiten schulen, sondern auch geistige Stärke, Charakter und ein tiefes Verständnis für die Ethik und Philosophie von Karate fördern.

Gichin Funakoshi selbst lebte, das dürfen wir vermuten, diese Prinzipien vor. Er war nicht nur ein Meister der Techniken des Karate, sondern auch ein Philosoph, der den Wert der Charakterbildung und der geistigen Entwicklung betonte. Seine Lehren und sein Leben dienen als Vorbild für Karateka weltweit und zeigen, dass Karate mehr als nur Kampf ist; es ist eine Lebensweise, die sich auf die Verbesserung des Selbst und den Dienst an anderen konzentriert.

Die Geschichte und die Psychologie, die in jeder Kata steckt, ist somit eine Einladung an jeden Karateka, nicht nur die Bewegungen zu meistern, sondern auch die tieferen Lektionen des Lebens zu verstehen, die sie vermitteln. Es ist eine Einladung, auf einem Weg der ständigen Verbesserung zu wandern, nicht nur im Dojo, sondern in allen Aspekten des Lebens.

In der Perfektionierung der Kata und im Streben nach einem vollkommenen Charakter offenbart sich der wahre Geist von Karate – ein Geist, der Resilienz, Demut, Selbstbeherrschung und unermüdliche Hingabe an die Suche nach Exzellenz verkörpert.

Diese tiefe Verbindung zwischen der physischen Ausführung und der philosophischen Bedeutung im Karate ist eine ständige Erinnerung daran, dass jede Handlung, jede Entscheidung und jeder Moment im Leben eine Gelegenheit zur Verbesserung und zur Vertiefung des Verständnisses für sich selbst und die Welt bietet. Karate, durch die Praxis der Kata erfahren, erlaubt es den Praktizierenden, diese Verbindung täglich zu erleben und zu stärken.

Die Lehren Funakoshis und die Praxis der Kata im Karate bieten eine kraftvolle Metapher für das Leben selbst.

So wie jede Bewegung in einer Kata bewusst und mit voller Hingabe ausgeführt werden muss, so sollte auch jeder Moment des Lebens mit Aufmerksamkeit und Engagement gelebt werden.

Die Praxis des Karate fördert eine Lebenshaltung, die über die Grenzen des Dojos hinausgeht und in jeden Aspekt des täglichen Lebens einfließt. Sie lehrt Respekt vor sich selbst und anderen, die Bedeutung von Ausdauer und Wertschätzung für die ständige Arbeit an sich selbst.

Diese Philosophie des ständigen Strebens nach Verbesserung und der Integration von Karate in das tägliche Leben ermutigt uns, Herausforderungen als Gelegenheiten zu sehen, zu wachsen und zu lernen. Sie lehrt, dass Misserfolge nicht Endpunkte sind, sondern Schritte auf dem Weg zur Meisterschaft und zur Selbstvervollkommnung. Diese Einstellung, geprägt durch die Praxis des Karate, ermöglicht es, mit einer größeren Gelassenheit und einem tieferen Verständnis durchs Leben zu gehen.

In der modernen Welt, in der das Leben oft von Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit geprägt ist, bietet Karate einen Gegenpol. Es lädt die Praktizierenden ein, langsamer zu werden, tiefer zu schauen und die Bedeutung hinter den Handlungen zu erkennen. Die Kata, als Kernstück der Karate-Praxis, ist ein Werkzeug, das es dem Karateka ermöglicht, diese tieferen Wahrheiten zu erkunden und zu erfahren. Durch die Verinnerlichung der Bewegungen und der ihnen zugrundeliegenden Prinzipien können Karateka nicht nur ihre technischen Fähigkeiten verbessern, sondern auch eine tiefere, spirituelle Verbindung zu sich selbst und ihrer Umwelt aufbauen.

Somit schließe ich mit einer ganz persönlichen Botschaft:

Praktiziert in allem, was ihr tut, den Geist des Karate, vor allem jedoch den Wesenszug von Kata. Macht ihr das, dann seid ihr Garant für glückbringende Veränderungen in eurem eigenen Leben, wie in dem Leben jener Menschen, die in euch ein Vorbild von Ethik und Moral erkennen und sich dadurch inspirieren lassen, dem eigenen Leben eine wesentliche Wendung zu geben.